====== Kurzporträt Friedrich Kittler ====== von [[benutzer_innen:sieglerc|Cathrin Siegler]] Der deutsche Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker Friedrich Kittler (1943-2011) gilt als Provokateur in den Geisteswissenschaften. Mit seinen Thesen prägte er maßgeblich die Medientheoriebildung Mitte der 1980er Jahre. **Werdegang** Ab 1963 studierte Kittler Germanistik, Romanistik und Philosophie in Freiburg und promovierte dort 1976 mit der Arbeit //Der Traum und die Rede. Eine Analyse der Kommunikationssituation von Conrad Ferdinand Meyer//. 1984 legte Kittler seine berühmte Habilitationsschrift //Aufschreibesysteme// vor, welche erst nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gutachtern tatsächlich angenommen wurden. Kittler lotet in seinem Text die Grenzen des literaturwissenschaftlichen Fachbereichs aus. Er wendet sich gegen die traditionell hermeneutische Textanalyse, indem er die „Materialität von Kommunikation zum nicht hintergehbaren Ausgangspunkt nimmt“ ((Frank Hartmann: Friedrich Kittler. In: Handbuch Medienpädagogik. Hrsg. von Uwe Sander, Friederike von Gross, Kai-Uwe Hugger, Wiesbaden 2008, S. 251)) und sich Produktionsweisen und -bedingungen, unter denen literarische Texte an den beiden Jahrhundertschwellen 1800 und 1900 entstehen, zuwendet. Nach einer Professur an der Ruhr-Universität Bochum im Fach Neuere Deutsche Literatur übernahm Kittler ab 1993 den Lehrstuhl für //Ästhetik und Geschichte der Medien// an der Humboldt-Universität in Berlin. Seine akademische Karriere beschränkt sich nicht auf das Inland, Kittler war unter anderem Visiting Assistant Professor an der University of Berkeley (1982), Visiting Associate Professor an der Stanford University (1982-83) und Membre associé am Collège Internationale de Philosophie in Paris (1983-86). Auch heute zählt er „neben Niklas Luhmann (1927-1998) zu den wenigen zeitgenössischen deutschen Theoretikern, die ein internationales Ansehen genießen“ ((Geoffrey Winthrop-Young: Friedrich Kittler: Kultur als Datenverarbeitungsgestell. In: Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden 2011, S. 572.)) **Einflüsse** Kittlers Werk ist ohne die Kenntnis einiger theoretischer Einflüsse nur schwer zugänglich, worüber sein charakteristisch gewordener mit „Vereinfachungsfloskeln“ ((ebd.)) gespickter Schreibstil, bisweilen auch als „Kittlerdeutsch“ ((ebd.)) bezeichnet, im ersten Moment hinwegtäuschen kann. Neben der prägenden Lektüre Hegels, Heideggers und Nietzsches, sind es vor allem die französischen Poststrukturalisten und ihre Theoreme die sich in Kittlers Texten widerspiegeln. Schon 1980 wird Kittlers theoretische Ausrichtung durch die Herausgabe des Sammelbandes //Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften: Programme des Poststrukturalismus// deutlich. Prägend für Kittlers eigene Theorien sind vor allem Jacques Lacan und Michel Foucault. Von Ersterem übernimmt Kittler die Ansicht, dass ein Subjekt durch die Einschreibung bestimmter symbolischer Ordnungen ins Unbewusste geformt wird, von Foucault die Vorstellung von Diskursen, in denen Sprache durch bestimmte Faktoren wie beispielsweise Institutionen oder technische Faktoren gelenkt wird. ((Vgl. dazu ebd., S. 574.)) **Wichtigste Thesen und Rezeption** Die technischen Neuerungen führen laut Kittler zu neuen kulturellen Einschreibeformen: „Die entstehende Nachrichten-und Informationstechnik bildet die Grundlage für ein neues, formalisiertes Schreiben (letztlich ein Codieren), welches vorrangig nicht Bedeutungen trägt, sondern Schaltungen funktionieren lässt.“ ((Hartmann, S. 253.)) Der Computer, so Kittler, treibt diese Entwicklung noch weiter, im Gegensatz zu den analogen Medien vereinigt er auf digitaler Ebene alle Informationsströme. Die Konsequenz daraus lautet, dass der Computer das Ende der Medien begründet, denn mit dem Computer „kommt das Datenverarbeitungsgestell Kultur potentiell ohne menschliche Schaltstellen aus.“ ((Young, S. 576.)) Kittler behauptet, alle Kultur leite sich einzig aus der Hardware ab, angeregt durch die Lektüre von Alan M. Turings Intelligence Service sieht Kittler in seinen Schriften immer eine enge Verbindung zwischen Krieg und kulturellen Vorgängen. ((Vgl. Metzler Lexikon Medientheorie – Medienwissenschaft: Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Hrsg. von Hemut Schanze, Stuttgart/Weimar 2002, S. 162.)) Neben Kittlers häufig unpräzisen Argumentationsweisen wird ihm vor allem, der seinen Schriften innewohnende Antihumanismus vorgeworfen, trotz dessen gilt er als wesentlich für einen Übergang der Sozial-und Kulturwissenschaften „vom Materialismus zu den Materialitäten“. ((Young, S. 577))