====== Das semiologische Problem der technischen Reproduktion von Sprache ====== Geschrieben von [[benutzer_innen:felicitas|Felicitas Fiedler]] Textgrundlage: Fehr, Johannes: „[[literatur:fehr2003|Die Sprache(n) im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit]]“, in: Fehr, Johannes; Grond, Walter: „Schreiben am Netz. Literatur im digitalen Zeitalter. BD. 1“, Innsbruck 2003, S. 24-37 Als Beginn der technischen Reproduzierbarkeit ist wohl die Epoche zu betiteln, in welcher die elektromagnetische Telegraphie ihren Einzug hielt. Und in dieser Hinsicht ist insbesondere ein Ereignis zu benennen: der Beweis eines funktionstüchtigen telegraphischen Systems, welches Samuel Finley Breese Morse am 24. Mai 1844 an die Öffentlichkeit trug. Dieses war in der Lage eine vom Sender an den Empfänger geschickte Botschaft wieder an besagten Sender zurückzuschicken, um diesem zu zeigen, dass die Nachricht übermittelt wurde. Allerdings zeigte sich schon damals eine semiologische Schwierigkeit in solch einer Übermittlung, da Nachrichten losgelöst von ihrem Kontext und ihrer Betonung durchaus falsch verstanden werden konnten. Ursprünglich kam Samuel Morse im Jahr 1832 als Maler nach New York, um seine kopierten Werke von Arbeiten großer Künstler in einer Ausstellung darzubieten. Da er mit dieser Idee erfolglos blieb, widmete er sich einem anderen seiner Interessengebiete. Zusammen mit dem Bostoner Arzt Charles Jackson diskutierte er während seiner Überfahrt nach New York, welche Möglichkeiten sich auf dem damals aufkommenden Gebiet des Elektromagnetismus eröffnen würden und beschäftigte sich schon eingehend mit Kommunikationssystemen. Im Herbst 1835 gab er dann sein Werk der Öffentlichkeit preis. Es war ein in einen Holzrahmen eingebauter Apparat, welcher in der Lage war, mit einem Stift Punkte und Striche nach einem Muster auf ein sich bewegendes Band aufzuzeichnen. Diese wurden dann in Buchstaben, Zeichen und Zahlen umgewandelt. Schnell wurde den Leuten klar, dass die Maschine die elektromagnetischen Impulse deren Worte einfing und auf Papier abbildete. Was die technische Reproduzierbarkeit angeht, ist diese auf sprachlicher Ebene genauso möglich wie in der Kunst, allerdings auf eine andere Art und Weise. Denn Sprachen bestehen nur genau aus dem Grund, dass sie ununterbrochen reproduziert werden. Denn andernfalls würden sie aufhören zu existieren. Außerdem liegt in der Reproduktion einer Sprache, anders als bei einem Kunstwerk, immer eine gewisse Veränderung. Denn Worte oder Sätze werden nie genau in der selben Art wiederholt, wie sie einmal ausgesprochen wurden, und sind primär gekennzeichnet durch ihre nicht an etwas Materielles gebundene Flüchtigkeit. Anhand der Erzählung //The Gold-Bug// von Edgar Alan Poe in Bezug auf die Erfindung des Telegraphen will Fehr hier auf ein semiologisches Problem hinweisen, das bei der technischen Reproduktion auftaucht. Dabei untersucht er das „viel zu wenig beachtete Verhältnis zwischen Kommunikationstechnik und Kryptologie.“((Fehr 2003, S. 32)) Die Verschlüsselungstechnik, welche beiden zu Grunde liegt nennt sich //monoalphabetische Substitution//. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass beim Telegraphen die Botschaften zuerst verschlüsselt und auf eine sehr rationale und formale Weise wieder entschlüsselt wird. Die Nachrichten sind dann nur eine bloße Aneinanderreihung von Worten, ungeachtet des Kontexts in dem sie stehen. Die Erzählung aber - welche von einer kryptologischen Entschlüsselung eines Geheimbriefes handelt - besagt, dass es durchaus wichtig ist, einen Text in einem bestimmten Bezugsrahmen zu betrachten. Er ist abhängig von Orten, Umständen und auch Redensarten, die man beachten muss, um einen Sinn aus diesem erhaltenen Klartext zu ziehen. Ein Telegraph hingegen ist nicht fähig einen Text in Beziehung zu anderen Dingen zu setzen. Genau das ist es jedoch, was eine Sprache ausmacht und ihre Vielfältigkeit noch unterstreicht: der Kontext in welchem sie gesprochen werden. Und dieser lässt sich nicht reproduzieren. Die Telegraphie bezeichnet zwar den Beginn der technischen Übermittlung von Geschriebenem, was später zur Vernetzung der Welt führte, jedoch erfährt sie beim Umgang mit Sprache ihre Grenzen. Denn die „Spannung, welche einen bis zur letzten Zeile seiner Erzählung [hier bezogen auf //The Gold-Bug//] in Atem hält, die Spannung also, zwischen dem, was Kodierung wieder//geben// kann, und dem, was darüber hinaus, noch erst und immer wieder anders //gefunden// werden muss, [...] bestimmt, was durch und mit Sprache(n) //be//wirkt wird.“((Fehr 2003, S. 35))