====== Protokoll zur Sitzung am 01.07. 2013 zu Friedrich Kittler ====== von [[benutzer_innen:sieglerc|Cathrin Siegler]] **Textgrundlage:** [[literatur:kittler1985|]] [[literatur:kittler2012|]] Friedrich Kittler war ein Germanist und Medienwissenschaftler. Das dem Seminar vorliegende Vorwort zu dessen Habilitationsschrift //Aufschreibesysteme// wurde 1985 bei Erscheinen des Buchs nicht publiziert. Es wurde erst kürzlich aus dem Nachlass des im Jahr 2011 Verstorbenen in der //Zeitschrift für Medienwissenschaft// veröffentlicht. Das Vorwort verfasste Kittler auf Druck der universitären Gutachterkommission, die eine methodische Vorbemerkung zur Verfahrensweise in //Aufschreibesysteme// forderte. Das Buch startet ohne eine methodische Erklärung in medias res. Es ging eine kontroverse Diskussion, um die Annahme der Habilitationsschrift voraus, denn das Werk nimmt eine tendenzielle Verabschiedung der Literaturwissenschaft vor und wählt einen mediengeschichtlichen Zugang. So kann Aufschreibesysteme als Schwellenwerk zwischen Literatur- und Medienwissenschaft begriffen werden. Der Titel //Aufschreibesysteme//, verrät bereits worum es Kittler in seiner Habilitationsschrift geht. Entgegen, der in der Literaturwissenschaft üblichen, hermeneutischen Zugänge, widmet sich Kittler den Materialitäten des Schreibens. Er betrachtet die Jahrhundertschwellen 1800 und 1900 und den Übergang von der Gelehrtenrepublik zur Goethezeit und weiter zur Technik der Schreibmaschine und der modernen Literatur um 1900. Beeinflusst ist diese Einteilung durch Michel Foucaults //Die Ordnung der Dinge//. Kittler betont, dass Lesen und Schreiben nicht voraussetzungslos sind, sondern als Wissen zu begreifen, welches durch Institutionen vermittelt wird. In //Aufschreibesysteme// geht es um die Randbedingungen des Lesens und Schreibens, es wird eine Historisierung vorgenommen. Der Fokus liegt, wie schon erwähnt, auf den Jahreszahlen 1800 und 1900. Es geht um bestimmte Schreibtechniken und wie sich bestimmte Wissenschaften, die sich mit dem Lesen verbinden, verändern. Um 1900 wird es möglich, die psychischen und physischen Begebenheiten, die für das Lesen ausschlaggebend sind, zu messen. In seinem Text //Höhlengleichnis der Moderne// setzt sich Kittler mit eben diesem Phänomen auseinander. Wir diskutieren ausführlicher die Aussage Kittlers die Sprache sei eine Maschine unter Maschinen, die er im Zusammenhang mit der Schilderung von Sprachexperimenten trifft. Schon im Jahr 1803 stellt der Psychiater Hoffbauer bei einem Experiment fest, dass die Wahrnehmung und Unterscheidung von Buchstaben im Bruchteil von Sekunden geschieht. Verhaftet im Denken seiner Zeit, in welcher, Lesen als bewusster intellektueller Prozess verstanden wurde, war es dem Psychiater unvorstellbar an die Reflexartigkeit des Lesens zu glauben. Hier wird der Schwellenpunkt vom goethezeitlichen Denken zur Moderne deutlich. In der Folge wurde mit ähnlichen tachystoskopischen Experimenten Sprache erstmals maschinell gedacht, Lesen wird als Prozess erkannt, der in gewisser Weise automatisch geschieht. Das enorme Tempo, in welchem Probanden Buchstaben unterscheiden können, spricht für unbewusste Prozesse. Weiter gelangt man zu der Einsicht, dass es sich auch beim Lesen um eine neuronale Reizverarbeitung handelt. So zeigt Kittler mithilfe eines wissenschaftshistorischen Blicks, die Verabschiedung des absoluten Glaubens an das Bewusstsein. Wurde dieses um 1800 als bestimmender Faktor bei der Wissensverarbeitung angesehen, bröckelt diese Vorherrschaft des Bewusstseins aufgrund der aufkommenden Experimentalpsychologie. Eine weitere provokante These Kittlers geht vom Ende der Bildung aus. Damit meint Kittler, dass der Bildungsbegriff als Konzept zu denken ist, welches um 1800 erfunden wurde und um 1900 zu Ende gehe. In der Klassik wird das auswendig Lehren der Bibeltexte abgelöst durch Schulfibeln, die dichterische Texte enthalten. Als Randbedingungen für das Entstehen des Bildungskonzepts können die Universitätsreform durch Humboldt und Schleiermacher, die Einführung der Schulpflicht, sowie die flächendeckende Alphabetisierung in Deutschland um 1800 gesehen werden. Besonders wichtig für Kittler sind die Alphabetisierungskampagnen, die sich speziell an Mütter richteten. Kittlers These besagt in diesem Kontext, dass es durch die Alphabetisierung der Kinder durch die Mütter zu einem sanften Hineingeführtwerden in die Sprache komme, wodurch dieser ein natürlicher Charakter verliehen werde. Sprache wird als etwas quasi Naturgegebenes verstanden, was man auch an vielen Texten dieser Zeit sehen kann, bei denen es eine Engführung zwischen Sprache und Natur gibt. Sprache wird von Kittler also als Kulturtechnik verstanden. Der mütterlichen Alphabetisierung und der Koppelung an die Natur steht das Konzept des Geistes gegenüber, welches besonders das Universitätsleben dominiert. Dort wird die Philosophie als wichtigste Disziplin gesehen, die die Geisteshaltung der Zeit dominiert. Der Bildungsbegriff setzt sich demnach aus der Verbindung von Natur und Geist zusammen. Kittler liefert in seinem Text eine präzise Analyse des deutschen bzw. Berliner Bildungssystems um 1800. Kittlers Thesen beinhalten auch einen Gender-Aspekt, die Autorschaft erscheint bei ihm als männlich codiert, während Frauen vornehmlich als Leserinnen auftreten, beziehungsweise im pädagogischen Duktus befangen, vornehmlich als Briefschreiberinnen in Erscheinung treten. Der Vorrang des literarisch-philosophischen Wissens, wird schließlich verdrängt durch ein technisch-wissenschaftliches Wissen. Es kommt zu einer Gewichtsverschiebung weg vom Bewussten hin zum Unbewussten. In dieser Verschiebung sieht Kittler das Ende des Bildungsprojekts auf programmatischer Ebene. Das Bild des Schriftstellers wandelt sich von dem eines Meinungsführers, zum Experten für Druckschrift, welcher mit anderen technischen Medien konkurriert. Mit dem Verweis auf Roland Barthes Schrift //Der Tod des Autors// (1968), welche davon ausgeht, dass Texte nicht länger über die Autorintention, sondern nur noch über den Text und den Leser zu verstehen sind, weist Kittler auf theoretische Positionen hin, die diesen Wandel veranschaulichen. Der Text wird in seiner wörtlichen Bedeutung als Gewebe gesehen, er ist ein nicht abgeschlossenes Werk mit Verknüpfungen zu anderen Texten. Der Schreibende ist so in erster Linie Leser. Kittler sieht diese Sicht als symptomatisch für die Zeit und historisiert so den Befund des Tod des Autors als solchen. Zur Titelgebung des Essays //Ein Höhlengleichnis der Moderne//. Lesen unter hochtechnischen Bedingungen ist anzumerken, dass Kittler den Rekurs auf das platonische Höhlengleichnis, welches die Schwelle von oraler zu alphabetischer Kultur reflektiert, vornimmt, um eine ähnliche Umbruchsituation zu beschreiben. Es geht wie bei Platon um die Beschreibung einer philosophischen Laborsituation. Während es bei Platon jedoch noch einen Weg aus der Höhle gibt, ist dies bei Kittler nicht möglich. Die Höhle, aus der es keinen Ausgang gibt, wird allerdings beschreibbar, die Einsicht in die eigenen Randbedingungen wird möglich. Während es bei Platon um die Auflösung weg vom Schein hin zur Wahrheit geht, ist bei Kittler die Lesesituation selbst eine Höhlensituation. Das Lesen selbst wird als Schein erkannt, da es sich hier um ein Zusammenspiel von technischen Apparaten und menschlichen Sinnen handelt. Der Begriff der Information ist im Sinne Shannons [[literatur:shannonweaver1976|Shannons]] für Kittlers historisches Projekt maßgeblich, da er die Materialität von Lesen und Schreiben in den Blick nimmt. Beim Modell von Sender und Empfänger wird ein Rauschen mitgedacht, etwas Unkontrollierbares, welches eben in den Materialiäten der Kommunikation aufzuspüren ist.