====== Stundenprotokoll 03.06.2013 ====== Als Vorbereitung für die Veranstaltung am 3. Juni sollte der Roman //Tristano// von Nanni Balestrini gelesen werden. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er aus zehn Kapiteln besteht, die je 30 Abschnitte enthalten, von denen allerdings 20 für jedes gedruckte Exemplar in eine zufällige Reihenfolge gebracht wurde. Somit erhält jeder Leser ein Unikat. 2009 machte es die moderne digitale Drucktechnik möglich //Tristano// in verschiedene Variationen produzieren zu lassen, während 1966 er noch als normaler Roman erschien. Nach der Verlesung der Protokolle und der umfassenden Reflexion zur vorherigen Sitzung widmeten wir uns dem Seminarthema zu. Hierfür erhielten wir von Prof. von Hermann zwei Rezensionen zum Roman, welche für die weiterführende Diskussion von Wichtigkeit waren: * //Einer von 109027350432000// von Aureliana Sorrento, Frankfurter Rundschau, 1. August 2010 * //Nimm Zwei!// von Peter O. Chotjewitz, Jungle World Nr. 40, 1. Oktober 2009 Desweiteren sollten drei Fragen zum Roman als Orientierung dienen: - Inwiefern ist //Tristano// ein Roman? - Warum heißt der Roman //Tristano//? - Wie ist der Roman zu lesen bzw. zu kommentieren? Die Aufgabe zum Diskussionseinstieg bestand darin, beide Artikel zu lesen, um gemeinsam diese Fragen beantworten zu können. Demnach wendeten wir uns der ersten Frage zu, inwiefern //Tristano// ein Roman sei. Dessen literarisches Konzept, das kurze Schriftstücke nutzt und in nicht zufällig ausgewählten Kapiteln geordnet ist, spricht auf ihre Weise die Individualität an, was jedoch eine Gruppe von Möglichkeiten gestalten kann. Außerdem besitzt die Erzählung weder einen Anfang noch ein Ende, wobei man sich die Frage stellen muss, worin der kommunikative Anspruch in diesem Text liegt. Aufgrund des bruchstückhaften Texts und der somit immer wieder erscheinenden Neuartigkeit, liegt die Interpretation allein bei dem Leser, wodurch sich die neue Kommunikationssituation entwickelt. Im Zusammenhang mit //Tristano// besteht ebenso eine besondere Bedeutung zu dem Begriff Montageroman, welchen Aureliana Sorrento in ihrer Rezension benutzt. Dieser gibt die Richtung an, in der sich der Text einfügt. Sieht man //Tristano// als Produkt einer gesellschaftlichen Epoche mit einer ungeheuren Aufbruchsstimmung, funktioniert Nanni Balestrini's Werk auch als Roman. Die gesellschaftliche Situation zur damaligen Zeit weist eine gewisse Tradition auf und die Grundkonstellationen eines Romans werden erfüllt. Der chaotische Charakter von //Tristano// entfaltet seine Wirkung in der Liebe und den sozialen Veränderungen. Das Thema des Romans beinhaltet demzufolge nicht nur die Individualität, sondern auch die Gesellschaft in sich. Einfach ausgedrückt, handelt es sich nicht nur um eine einzelne Person, sondern um eine Gruppe. Kurz auftretende Individualitäten könnten in dem darauf folgenden Satz schon wieder verschwunden sein. Traditionell gesehen ist dieses kollektive Sprechen eher untypisch für einen Roman, jedoch ist der klassische Roman des 16. Jahrhunderts zu dem Zeitpunkt bereits aufgehoben. Verschiedene Diskussionsansätze ergaben sich aufgrund des im Roman vorkommenden C's. Einerseits könnte dies ein Verweis auf die Programmiersprache sein, die sich ungefähr zur Zeit des Romans herausbildete. C wäre dann ein Parameter, welcher sich durch neue verschiedene Werte ausweist, die eingesetzt werden können. Namen als Zeichen, die mit einer festen Identifikation verbunden sind, tauchen außer in Form von Pronomen überhaupt nicht auf. An dessen Stelle tritt dann der leere Parameter C. Ebenso könnte das C auch für verschiedene Bedeutungen, wie z.B. Personen oder Orte stehen. Es ist nicht möglich zu sagen: das ist C. Dagegen ist //Tristano// ein Mythos, welcher sich hinter diesem Namen verbirgt. Die Theorie, dass Zeichen keine einzelne Bedeutungen mehr besitzen ist überzeugend, da somit das Zeichen nicht mehr Ausdruck der Bedeutung ist, sondern diese erst durch die Zeichen hervorgebracht wird. C ist ein reiner Signifikant, der immer wieder andere Bedeutungszuweisungen bekommt. Bei //Tristano// wird durch die Summierung der Sätze ein Ganzes daraus und obwohl das Übliche an den Sätzen fehlt, hängen sie trotzdem miteinander zusammen. Der räumliche und inhaltliche Zusammenhang ist auf den ersten Blicken nicht vorhanden, da weder Handlung noch Zeit in einer Weise gegeben sind. Als Leser erwartet man jedoch dies und auf der Suche danach wird erst dessen Erwartung erfüllt. Der Text untergräbt diese allerdings permanent. Die Zusammenhänge werden ebenso während des Lesens erzeugt, in dem das Eine oder Andere plötzlich doch Sinn ergibt. Einfach gesagt gilt //Tristano// als Roman, sonst würde man zuerst bestimmt nicht auf diese Idee kommen. Entscheidend dabei sind die paratextuellen Informationen, wie beispielsweise das Vor- und Nachwort, die man erhält. Diese Informationen spielen eine wichtige Rolle und sind notwendig für die Rezeption. Daraufhin widmeten wir uns der zweiten Frage, warum der Roman //Tristano// heißt. Die besonderen Erwartungen, die in diesen Mythos gesetzt werden, können nicht erfüllt werden, da kein archetypischer Held im Roman erscheint. Die Reduktion auf die wiederkehrenden Pronomen er und sie stellt das Gegenteil eines Mythos dar. Diese Paarkonstellation widersprecht dieser Erzählung als nicht identifizierbare Personen. Weitere Überlegungen ergaben sich aus der Herleitung des Namens aus dem Lateinischen, dass //Tristano// gleich traurig/trist bedeuten würde. Jedoch gibt es zu dieser Möglichkeit keine hundertprozentige Verbindung. Zum Schluss diskutierten wir, inwiefern der Roman zu lesen bzw. zu kommentieren sei. In dem Punkt ist es wichtig die Frage zu erörtern, wie der Leser mit dem Roman umgehen kann und in welcher Richtung ein Kommentar (oder eventuell sogar eine Interpretation) möglich ist. Als Leser ist man automatisch auf einer Sinnsuche, was allerdings in diesem Fall erschwert bzw. nicht möglich ist. Der Sinn ergibt sich nur aus dem bestimmten Aufeinandertreffen von Sätzen z.B. aus ironischen und amüsanten Assoziationen. Man muss den Fokus auf die Wortbedeutungen der einzelnen Sätze richten und nicht auf das Ganze. In der Rezension von Peter O. Chotjewitz wird ebenso empfohlen, dass man nicht nur mehrere Romane von //Tristano// lesen soll, sondern am besten auch mit mehreren Lesern. Mit der Fokussierung auf das Lesen wird die Aktualisierung (Steigerung im Lesen selbst) präsent gemacht und mit mehreren Lesern kann diese am besten veranschaulicht werden. Zur Erwartung an den Roman muss man dies ernst nehmen und nicht nur als Formalismus begreifen. Empfohlen wird von der Textseite zu kommen und an die Erwartung an einem Roman anzuknüpfen. Selbst wenn es sich um einen historischen Roman der eigenen Zeit handeln würde, wäre der Roman nicht erzählbar. Ein möglicher Ansatzpunkt für einen Kommentar wäre zu finden in der Behauptung der Nichterzählbarkeit. Während des Leseprozess wird es nicht so verlaufen, dass man von Anfang bis Ende liest. Man findet keinen Sinn mit dieser bestimmten Lesehaltung und soll sich eher dem möglich sprachlichen Singulärem überlassen. Daher wäre ein weiterer möglicher Kommentar, die Einübung in eine bestimmte Haltung gegenüber der Welt, die das Singuläre nicht verschwinden lässt. Von dort aus könnte man Verbindungslinien zur politischen Situation und Engagement ziehen. Beim Lesen ist es möglich neue Kompetenzen zu entwickeln betreffs des Erinnerns an den Text. Bei einer starren Handlung kann man sich normalerweise daran erinnern. Doch bei //Tristano// muss man sich fragen, ob es Sinn ergeben hat, was man soeben gelesen hat. Die Sätze beinhalten verschiedene Kontexte und kommentieren sich gegenseitig. In unserem Roman gab es einige politische und sozialkritische Thesen, dass sich die Gesellschaft völlig neu ordnen müsste. In diese Richtung könnte man ebenso kommentieren und sich weitere Gedanken machen. Die nächste Sitzung behandelt die theoretischen historischen Texte mit dem Seminartext As we may think von Vannevar Bush.