Erstellt von Carolin Bernhofer
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Theo Lutz: „Stochastische Texte“ lutz2004.pdf
Christoph Hoffmann: „‘Kein Haus ist nah‘. Philologische Programme 1960“ hoffmann2008-kein_haus_ist_nah_.pdf
Bernhard Dotzler: „Kein Dorf ist spät. Zur Literatur im Stande ihrer vollendeten Vergangenheit“ dotzler2005.pdf
Die Seminarsitzung einleitend wird der historische Text von Theo Lutz, „Stochastische Texte“, von 1959, besprochen.
Lutz‘ Aufsatz ist zunächst der Bericht über ein von ihm Ende der 1950er Jahre am Rechenzentrum der Technischen Hochschule Stuttgart unternommenes Experiment, welches die Möglichkeiten erprobte, mittels der Verwendung digitaler Rechenanlagen etwas poetischen Texten „ähnliches“ zu produzieren.
Lutz liefert in seinem Aufsatz die Beschreibung des Algorithmus, der die Grundlage seiner Texterzeugung bildete. Einerseits sieht der Algorithmus eine Satzkonstruktion unter Einhaltung einer rudimentären Syntax (Subjekt und Prädikat) vor. Andererseits wird der Einsatz eines Zufallszahlengenerators erwähnt, der die Auswahl der einzelnen Worte trifft. Dieses scheinbare Paradoxon aus eindeutig festgelegtem Programmalgorithmus und Komponenten zufälliger Entscheidungsfindung ist insofern nicht tatsächlich ein Widerspruch, als es sich bei den verwendeten Zufallszahlen lediglich um „Pseudozufallszahlen“ handelt. „Pseudozufallszahlen“ basieren letztlich auch auf einem Algorithmus. Wesentlich an einem solchen Algorithmus ist allerdings, dass hier durch die Iteration einer Kette einfacher arithmetischer Rechenoperationen eine hohe Komplexität der ausgegebenen Zahlenfolge erreicht wird, die den Anschein macht, frei von Regelmäßigkeiten zu sein, also Zufallscharakter hat. Schließlich ist diese Zahlenfolge jedoch auch einer Regelmäßigkeit folgend, d.h. sie weist eine gewisse Periodizität auf. Sind die Rechenoperationen des Algorithmus geschickt gewählt, kann eine derart große Periode erreicht werden, dass der Zufallscharakter der ausgegebenen Zahlenfolge gewahrt bleibt. Das bei Lutz‘ Experiment von der Maschine (Rechner und Fernschreiber) final ausgegebene Rechenergebnis, ist nun nicht-numerischen Inhalts, es ist eine Folge von Buchstaben und Wörtern: sogenannter stochastischer Text.
Die (historische) Bedeutung des Experiments besteht nun einerseits darin, dass es, als eines der ersten, die Eignung digital arbeitender Rechenmaschinen zur Lösung nicht-numerischer Probleme, insbesondere der Verarbeitung der menschlichen Sprache vorführte. Einer Textproduktion auf mathematisch-numerischer Grundlage wurde somit ihr Fundament gelegt.
Darüber hinaus liefert das Experiment nicht nur auch einen Beitrag, den Literaturbegriff – durch die Erweiterung der Wege der Texterzeugung – zu hinterfragen, sondern es zeichnet sich dadurch eine Verwendungsmöglichkeit digitaler Rechenanlagen als Instrumente literarischer Analysen ab. Lutz sieht der Philologie durch den zukünftigen Einsatz der Methoden digitaler Rechenanlagen ein neues Feld der denk- und durchführbaren Fragestellungen eröffnet, Fragestellungen hinsichtlich derer Text als Material untersucht werden kann.
Der Textbefund, den der Aufsatz den stochastischen Texten zuweist ist daher keiner, der sie zu einem literarischen Erzeugnis erklären wollte, sondern es ist einer, der ihnen und ihrem Entstehen vor allem attestiert, Anstoß für eine neue Art der Philologie zu geben.
Ausgehend von dem historischen Text widmen wir uns daraufhin der Besprechung eines aktuellen Kommentars, dem Aufsatz von Christoph Hoffmann von 2008.
Hoffmanns Ausgangspunkt bilden die stochastischen Texte Theo Lutz‘. Auch er vertritt die Position, dass, entgegen allem Anschein, diese Texte nicht beanspruchten und beanspruchen, Literatur selbst sein zu wollen, vielmehr erfuhren die Texte im Verlauf der Rezeptionsgeschichte die Zuschreibung des Prädikats „Literatur“ (u.a. wurden sie bezeichnet als „Maschinengenerierte Literatur“). Hoffmann erkennt die Bedeutung der stochastischen Texte als erstes Ergebnis einer Texterzeugung mit Rechenmaschinen an, weist allerdings darauf hin, dass bisweilen die philologische Komponente, d.h. die durch die Experimente angestoßenen Innovationen literaturwissenschaftlicher Verfahren, unterschätzt wird. Hoffmanns Anliegen ist es in seinem Aufsatz, die bereits von Lutz behauptete Relevanz des Experiments für die Philologie argumentativ zu untermauern. Ein wesentliches Argument hierbei ist die ermöglichte Annäherung der Genauigkeit philologischer Analysen an die der Naturwissenschaften.
Programmatisch sind die Experimente von Theo Lutz in Zusammenhang mit den Intentionen des Philosophen Max Benses, zur Hervorbringung einer „Geisteswissenschaft des Informationszeitalters“, zu sehen. Es sollte die Grundlage für eine erneuerte Geisteswissenschaft geschaffen werden, Bense wollte Verfahren entwickelt sehen, die die Geisteswissenschaft auf die Höhe der Naturwissenschaften bringen und sie für die Anforderungen des technischen Zeitalters rüsten. Die exakten Verfahren der Mathematik, umgesetzt in der Rechnerprogrammierung mittels Algorithmen, sollten die Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaft bilden. Den historischen Hintergrund für Lutz bildete dabei einerseits die Erfindung der Computer bzw. Rechenmaschinen, andererseits auch die beginnende zivile Nutzung der Atomphysik zur Energiegewinnung. Ebenfalls zu dieser Zeit wurden die Grundlagen der Informationstheorie entwickelt, insbesondere der Kommunikationstheorie. Die Nachrichtentechnik erfuhr einen enormen Bedeutungszuwachs und die Kybernetik begann sich als Programmatik eines universalisierten Regelungsbegriffs zu etablieren. Als Wissenschaft der Regelung und Steuerung zielte die Kybernetik dabei auf ihre Anwendung nicht nur im technischen Bereich von Maschinen ab, sondern auch darüber hinaus, beispielsweise in der Medizin oder Soziologie.
Hoffmann stellt die stochastischen Texte Lutz‘ anderen zeitgenössischen, ebenso wie älteren Formen der Dichtung gegenüber. Bereits zur Zeit des Barock gab es mit der „ars combinatoria“ eine Dichtung, bei der sprachliche Artefakte durch eine Kombinationstechnik, basierend auf der Anwendung von Regeln einerseits und zufälligen Entscheidungen andererseits, hervorgingen. In Zeitgenossenschaft zu Lutz‘ Unternehmungen brachte die Gruppe OuLiPo Beiträge zu einer Literatur hervor, deren entscheidendes Merkmal es war, ihre eigene Vielfachheit, d.h. die Dimension ihrer eigenen Möglichkeiten darzustellen. Indem im Buch des OuLiPo-Mitglieds Raymond Queneau „Cent mille millards de poèmes“ jede Zeile einzeln umgeblättert werden kann, bildet es selbst eine Art Spielkasten, es ist in gewisser Weise der Möglichkeitsraum seiner kombinierbaren Gedichte.
Insofern findet sowohl in den stochastischen Texten Lutz‘ als auch in den OuLiPo-Produktionen eine Literaturposition ihre Vertreter, die die typischen Lesererwartungen thematisiert und diesen entgegen tritt. Durch das Einhalten typografischer Konventionen (beispielsweise dem Zeilenumbruch) wird eine äußerliche Ähnlichkeit der Texte zu typischen Textwerken lyrischen Charakters erreicht. Dadurch bildet sich wiederum beim Leser die Erwartungshaltung, im Text müsse eine Autorenintention enthaltenen und auszumachen sein. Gerade die inhaltliche Intentionslosigkeit der stochastischen sowie der OuLiPo-Texte jedoch, legte die Lesererwartungen an die Literatur offen.
Was nun aber die stochastischen Texte über ein bloßes Spielen mit der Kommunikationssituation von Literatur hinaus gehen lässt und daher letztlich von den OuLiPo-Produktionen unterscheidet, liegt in der Bedeutung, die für Lutz das Computerprogramm selbst innerhalb seines Experiments einnahm. Bereits am Aufsatztitel „Stochastische Texte“ wird durch den verwendeten Plural auf die Bedeutung des Zufallsgenerators für die Textentstehung verwiesen, wobei die Stochastik hingegen, als „Vermutungswissenschaft“, den Zufall zu erschließen sucht und daher berechenbar macht. Lutz‘ Aufsatz liefert zwar ein Exemplar eines stochastischen Textes, in erster Linie aber den Kern des Computerprogramms zur Erzeugung der stochastischen Texte in ihrer Gesamtheit. Ein weiteres Argument für den prozessualen, pluralistischen - also letztlich auch auf das im Hintergrund stehende Programm verweisenden - Charakter der beigefügten Textprobe, ist in der Zusammenhanglosigkeit der einzelnen Textzeilen zu sehen. Da dem Text zudem Anfang und Ende, die sich als solche vom Rest der Sätze unterscheiden würden, fehlen, kann die Textprobe schließlich selbst bereits als eine Pluralität von Texten aufgefasst werden.
Im Weiteren betrachten wir die Aspekte des dritten Abschnitts, „Die Materialität der Literatur“, des hoffmannschen Aufsatzes. Vorangestellt sei erneut Hoffmanns These, wonach die stochastischen Texte den Anstoß, die Ermöglichung einer neuen Literaturtheorie zu erproben, lieferten. Dies geschah insofern, als sich im Kontext der stochastischen Texte ein Blick auf Sprache ergab, der sehr eng mit dem Begriff der Wahrscheinlichkeit verbunden war.
Mit ihrer inhaltlichen Aussagelosigkeit bilden die stochastischen Texte ein Indiz für die Relevanz eines Literaturbegriffs, der die Literatur als von allen äußeren Wirklichkeiten abgeschirmt wissen will, der die Literatur nicht mehr als etwas, auf eine äußere Wirklichkeit verweisendes oder diese repräsentierendes ansieht. Die nun beanspruchte Wirklichkeit der Literatur ergibt sich für Max Bense vielmehr aus der „Eigenrealität der Zeichen“, die in ihrer Materialität zu sehen ist (aus dem Wirklichkeitsbegriff, der einstmals in der Literatur auszuloten gesucht wurde, wird für Bense der Wirklichkeitsbezug der Literatur selbst). Die Zeichen, also Buchstaben, Worte und ganze Texte, als Material zu begreifen macht diese objekthaft, und zwar auf eine Weise, die die Verarbeitbarkeit bzw. Handhabung des Materials nahelegt. Letztlich lassen sich so Analogien zu Bereichen der Mathematik bzw. Physik, insbesondere der Thermodynamik, herstellen. Wie in der Thermodynamik mittels der Wahrscheinlichkeitsrechnung Aussagen über die Aufenthaltswahrscheinlichkeiten von Teilchen und insgesamt den Zustand ihrer Ordnung bzw. Unordnung getroffen werden können, kann die Wahrscheinlichkeitsrechnung auch die Sprache, betrachtet als Ansammlung abzählbarer Elemente, hinsichtlich ihrer Ordnungskonstellationen beschreiben helfen. Geht man in der Physik davon aus, dass natürliche Systeme allesamt die Tendenz haben, Zustände immer größerer Durchmischung, also Unordnung anzustreben, müssen bestimmte Teilchenordnungen als unwahrscheinlich angesehen werden. Auf sprachlicher Ebene bzw. auf den Begriff der Literatur bezogen, knüpfen sich Vorstellungen von Ordnung und Unordnung bzw. Wahrscheinlichkeit an folgenden Gedankengang: Sprache ist ein System, das aus der Kombination einzelner Wortelemente hervorgeht, es werden bestimmte Formen der Ordnung durch die Verkettung von Worten erreicht. Der Möglichkeit der Verkettung zweier Worte kann ein Wahrscheinlichkeitswert, abgeleitet aus den Regeln des Sprachgebrauchs, zugeordnet werden. Innerhalb des Raums von Sprachgebilden, der sich durch die beschriebenen Verkettungsmöglichkeiten von Worten und Sätzen aufspannen lässt, erscheinen literarische Erzeugnisse nun als Ereignisse relativer Seltenheit. Denn literarische Äußerungen weisen Strukturen bzw. Kombinationen auf, die bereits wegen ihres Seltenheitswertes besonders erscheinen, Literarisches ist demnach unwahrscheinlich.
Seinen Aufsatz beschließend führt Hoffmann Überlegungen Martin Heideggers zu den Möglichkeiten bzw. der Unmöglichkeit der Programmierung von Gedichten an. Das Gedicht als ein Sagen, das sich in der Sprache erst produziert, müsse über die reine Reproduktion hinausgehen und in sich, im Sinne der Poiesis, eine eigene Hervorbringung leisten. Programmiertes selbst könne insofern nie schon Gedicht sein, da es die bloße Reproduktion hinterlegter Regeln sei.
Die Besprechung des Aufsatzes von Bernhard Dotzler wird Gegenstand der nächsten Seminarsitzung sein.