Text zu dieser Sitzung: As We May Think von Vannevar Bush
Der Aufsatz As We May Think erschien am 1. Juli 1945 in der eine breite Leserschaft ansprechenden Monatszeitschrift „Atlantic Monthly“. Damit liegt er historisch zwischen den Kriegsenden in Europa und in Asien, wo die Atombombe noch nicht abgeworfen wurde. Vannevar Bush war selbst Forscher und Entwickler analoger Rechenmaschinen, schreibt hier aber vor allem als Direktor des Office of Scientific Research and Development, von wo aus er gewissermaßen als „Vorgesetzter“ der gesamten amerikanischen Forschergemeinde fungiert. Während des Zweiten Weltkrieges führte diese in großem Ausmaß militärische Forschungsvorhaben aus, zu denen auch die Entwicklung der Atombombe gehörte. Der Artikel muss vor diesem Hintergrund der großskaligen, militärischen Forschung in den USA gelesen werden.
Trotz der großen Forschungsprojekte beginnt Bush mit dem Satz „This has not been a scientist's war“, der folgendermaßen gedeutet werden kann: Zwar waren alle Teile der Gesellschaft auf bestimmte Art und Weise vom Krieg betroffen oder an ihm beteiligt; die Forschung hat durch die verstärkte Förderung auch viele, sowohl technische als auch strategische, Weiterentwicklungen und Innovationen hervorgebracht und damit vom Krieg profitiert. Bushs Argument ist jedoch, dass auf dem Feld der Wissenschaft kein Krieg stattgefunden hat: Wettbewerb, Rivalitäten und Partikularinteressen wurden während des Krieges zugunsten einer nationalen Aufgabe und einer gemeinsamen Anstrengung aufgegeben. Dies war eine Bündelung der Interessen, die auch jetzt und in Zukunft, da sich ein Großteil der Forschung neue Ziele suchen müsse, über den Krieg hinaus wertvoll sein könnte. Zu einem gewissen Grad muss natürlich berücksichtigt werden, dass Bush die Gefahr sieht, dass in Zeiten des Friedens viele Forschungsförderprogramme eingestellt oder zurückgefahren werden.
Dennoch ist der Text alles andere als reiner Lobbyismus. Ausgehend von der Frage, welche neuen Aufgaben sich die Forschung in Zeiten des Friedens suchen könnte, entwirft Bush ein Zukunftsszenario einer Wissensgesellschaft. Zu den wichtigsten Entwicklungen zählen in diesem Szenario die Verbreitung elektronischer Rechenmaschinen und die fortschreitende Spezialisierung der Wissenschaftsdisziplinen. Auch wenn Bush Voraussagen trifft, was Maschinen in Zukunft leisten könnten, handelt es sich nicht um pure Imagination oder gar Fantasie. Bush bezieht sich immer auf aktuelle Entwicklungen und vorhandene Technik, die, neu zusammengesetzt und sinnvoll eingesetzt, bis dahin ungeahnte Anwendungen ermöglichen.
Nach der durch Forschung bereits erreichten Leistungssteigerung mechanischer Kräfte durch technische Hilfsmittel und Maschinen, zielen die von Bush angedeuteten Entwicklung nun auf eine Verbesserung der geistigen Fähigkeiten des Menschen. Somit kann mit diesem Text auch eine Epochenschwelle vom Industrie- zum Informationszeitalter markiert werden.
Bush zieht als Lehren aus dem Krieg, dass die bisherige infrastrukturelle Organisation des Wissens, vor allem in Form der Bibliothek, nicht ausreicht, um mit der neuen Dynamik der Forschung mitzuhalten. Um das sich ausdifferenzierende, immer stärker spezialisierte Wissen zu organisieren und einen Überblick zu behalten, sei eine Ökonomisierung des Wissens nötig. Eine wichtige Erfahrung des Krieges dürfte der enorme Zeitdruck gewesen sein, unter dem Innovationen entwickelt und hervorgebracht werden mussten und besonders die Forschungsorganisation bei der Aufsicht und Koordination mithalten musste.
Die langsame und nach außen geschlossene Verbindung zwischen Katalog bzw. Signatur und Buch, wie sie in der Bibliothek üblich ist, solle abgelöst werden durch die Ermöglichung eines „Pfads“, entlang dem das Wissen nicht-hierarchisch, flexibel und offen unstrukturiert durchlaufen wird. Der Pfad ermöglicht Sprünge, folgt den Assoziationen des Nutzers und nicht einer vorgegebenen Ordnung des Wissens. Als Modell benutzt Bush die Vernetzung von Gehirnzellen; das Vorbild für die neue Wissensform ist also physiologisch. Somit könne ein neues Denken — „As We May Think“ — ermöglicht werden, dass nicht mehr nach Indexierung, sondern über Assoziationen verläuft.
Bush skizziert dazu eine Maschine, an die das indexierte Wissen ausgelagert wird. Der „Memory Extender“, kurz: memex, solle als individuelles Gedächtnis — quasi als Privatbibliothek — für einen Nutzer zur Verfügung stehen und somit den Raum ermöglichen, den ein Forscher braucht, um den Gedanken assoziativ freien Lauf zu lassen. Memex gleicht einem heute bekannten Desktop ohne Papier und Stift, mit projizierten Bildern und Eingabe neuen Wissens über Mikrofilm. Auch die heute verbreitete Trennung zwischen Nutzerperspektive und technischer Perspektive bei Rechenmaschinen oder Maschinen ganz allgemein wird bereits angedeutet.
Neu und entscheidend im Vergleich zur Bibliothek ist, dass memex den Weg der Assoziationen, also den Pfad des Wissens, aufzeichnet und damit für spätere neue Verknüpfungen zur Verfügung stellt. Von Interesse ist vor allem die überraschende, unerwartete und Innovation fördernde Verbindung; ähnlich wie das überraschende Aufeinandertreffen von einzelnen Sätzen in Balestrinis Tristano.
Als eine Metapher des neuen Denkens benutzt Bush das Labyrinth. Um zu einem Ziel zu gelangen, müssen zwar alle Verzweigungen und Wege, alle Pfade, durchlaufen werden. Neue Rechenmaschinen können diesen Weg aber maßgeblich beschleunigen. Entworfen wird damit das Bild einer künftigen labyrinthischen, assoziativen Wissensgesellschaft, in der die in Literatur und Forschung traditionellen Ordnungen von Wissen aufgelöst sind.