Alan Turings Imitationsspiel und Literatur
von Gregor Halfmann
Auf der Internetseite des Turing Archive for the History of Computing werden dem Briten Alan Mathison Turing (1912-1954) bedeutende wissenschaftliche Beiträge auf den Feldern Mathematik, Kryptoanalyse, Logik, Philosophie, Biologie, Informatik (Computer Science), Kognitionswissenschaft, Künstliche Intelligenz und Künstliches Leben zugeschrieben, was angesichts der nicht ganz 42-jährigen Lebensdauer Turings eine beeindruckende Liste darstellt. Gerade in den Bereichen der Informatik und der Künstlichen Intelligenz kann Turings Einfluss als fundamental angesehen werden.1) Doch was genau macht ihn für die Literatur im Informationszeitalter zu einem wichtigen Akteur und rechtfertigt damit diesen Beitrag? Sicherlich werfen mit Hilfe von Computern automatisierte Textproduktionsverfahren — noch dazu wenn sie poetische Texte produzieren sollen - die Frage nach denkenden Maschinen und nach Maschinenintelligenz auf.
Für den gesamten wissenschaftlichen Zweig der Künstlichen oder Maschinenintelligenz gehört Turings 1950 erschienene Arbeit Computing Machinery and Intelligence2) (1950) zur Grundlage. Darin schreibt Turing die Frage, ob Maschinen denken können, um: Da es „absurd“ sei, zur Beantwortung der Frage notwendigerweise Begriffe wie „Maschine“ oder „denken“ definitorisch zu bestimmen, stellt sich Turing in einem Gedankenexperiment eine Spielsituation vor.3) In diesem Szenario stellt sich die Frage, ob eine digitale Rechenmaschine es schaffen könnte, in einem Frage-Antwort-Spiel menschliches Verhalten so gut nachzuahmen, dass es für eine Testperson unmöglich sei, nur anhand von Antworten, die auf einem Computerterminal erscheinen, zu entscheiden, ob ein echter Mensch oder eine Maschine auf die Fragen antwortet.4)
Turing erklärt den an diesem „Imitationsspiel“ beteiligten digitalen Rechner und seine einzelnen Komponenten Speicher, ausführende Einheit und Kontrollwerk. Interessanterweise erinnern die von Turing als Analogie zum digitalen Rechner angeführten Komponenten eines „menschlichen Rechners“ an das Werkzeug eines Schriftstellers: Ein Buch mit den Regeln für die Ausführung von Operationen und ein für diese Ausführung vorgesehener unendlicher Papiervorrat entsprechen laut Turing dem Speicher des Rechners. Als Analogie zu den Regelbüchern könnten Wörterbücher, Lexika oder grammatikalische Tabellen, vielleicht sogar programmatische Schriften zur Literatur angesehen werden. Ein Teil des Speichers entspreche zudem dem Gedächtnis des menschlichen Rechners.5) Natürlich wären Teile des Speichers auch für die Ausführung der Operationen, bzw. für das Produzieren von Texten zur Verfügung. Damit ist auch eine Analogie zwischen maschinellem Prozessieren (von Daten) und dem Produzieren literarischer Texte hergestellt, die auf schrittweise aufeinanderfolgenden Entscheidungen und Operationen der jeweils ausführenden Einheit — des Prozessors bzw. des Schriftstellers — basiert.
In Raymond Queneaus Buch Cent mille milliards de poèmes von 1961 wird das Maschinelle der Literatur- und Textproduktion geradezu zelebriert. (Vermutlich lässt sich der Gedichtband deshalb so einfach in eine Computer-Version übertragen.) Die einzelnen Verse sind wie in einer Matrix angeordnet, aber gedruckt auf Papier und wie ein normales Buch gebunden. Jeder Vers lässt sich einzeln umblättern, sodass durch umblättern eines einzigen Verses, durch schrittweises Treffen von Entscheidungen, ein anderes von 100.000.000.000.000 möglichen Gedichten entsteht. Der Titel ist also keine Metapher, sondern entspricht dem Inhalt des Buches.
Diese Literatur des Informationszeitalters bewegt sich innerhalb eines Möglichkeitsraumes, denn es ist für einen Menschen unmöglich, alle potentiellen Gedichte jemals zu lesen. Vor diesem Hintergrund kann das den Gedichten vorangestellte Motto gelesen werden:
„Seule une machine peut apprécier un sonnet écrit par une autre machine.“ (Alan Turing) 6)
Andrew Hodges zitiert Turing mit leichtem Unterschied: „… I do not see why it [a computer] should not enter any one of the fields normally covered by the human intellect, and eventually compete on equal terms. I do not think you can even draw the line about sonnets, though the comparison is perhaps a little bit unfair because a sonnet written by a machine will be better appreciated by another machine.“7)
Beide Versionen bieten folgende Deutung an: Um dieser Form der Literatur gerecht zu werden, müsse der Leser gewissermaßen die Perspektive einer Maschine einnehmen und vom maschinellen Standpunkt aus lesen. Nur so, und nicht etwa über den Inhalt, könnten die Gedichte gewürdigt bzw. überhaupt verstanden werden.
In seinem Aufsatz schreibt Turing, dass der Mensch „zweifellos einen armseligen Eindruck“ abgeben würde, sollte er probieren, das Verhalten der Maschine nachzuahmen (das Imitationsspiel also umzukehren), denn Ungenauigkeit und Langsamkeit würden ihn sofort verraten.8) Genau deswegen kann der Mensch, im Gegensatz zu einer Maschine, die nicht nur alle Gedichte lesen, sondern auch speichern und wiedergeben könnte, Queneaus Gedichtband auch nicht lesen.
Zwei Aspekte sind an Turings Imitationsspiel in diesem Zusammenhang noch von Bedeutung: Erstens ist Turing nicht daran interessiert, ob alle oder auch nur ein tatächlich gebauter digitaler Rechner das Imitationsspiel bestehen würde(n), sondern lediglich ob ein solcher Rechner vorstellbar ist.9) Ebenso wie die mögliche Literatur bewegen sich die Überlegungen zur Maschinenintelligenz also in einem Möglichkeitsraum. Zweitens ist die Intelligenz der Maschine nicht eine mit dem Menschen vergleichbare. Sie beruht lediglich auf Nachahmung und Imitation von Intelligenz.
Auch ein Hineinversetzen in die Position des Rechners, um diesem im Imitationsspiel auf die Schliche zu kommen, wäre im Imitationsspiel nicht zielführend: Man könnte einer Rechenmaschine aufgrund ihrer unbedingten Exaktheiten in allen Rechenprozessen zwar vorwerfen, dass sie keine Fehler machen kann. Turings „universale“ Maschine würde jedoch auch diesen vermeintlichen Nachteil des Rechners berücksichtigen und die Produktion von Fehlern (keine Fehler in der ausführenden Einheit des Rechners, sondern lediglich fehlerhaft in der Ausgabe und damit fehlerhaft aus Sicht der Testperson) in das Regelwerk aufnehmen.10)
Für die Literatur bedeutet dies: Intelligente Maschinen, die Texte produzieren, die ein Mensch nicht von unterscheiden könnte von Texten, die ein Mensch geschrieben hat, sind denkbar. Obwohl sich Turings Ansicht nach die Produktionsweise der Texte und die Komponenten menschlicher und maschineller Rechner ähneln, herrscht ein Ungleichgewicht: Der Rechner kann den Menschen imitieren und übersteigt dessen Kapazitäten und Leistung um ein Vielfaches. Der Mensch kann das Spiel aber nicht umkehren; Bücher wie Queneaus Cent mille milliards de poèmes können ihm lediglich das Maschinelle des Informationszeitalters in dessen Wirkung auf die Literatur vor Augen führen.