Kommentar zu Nanni Balestrinis //Tristano//
von sieglerc
Textgrundlage: balestrini2009
Balestrinis „collages“ do not really ask to be interpreted or deciphered; they can only be „experienced“. They are not „meaningless“, but they are not „meaningful“ either.1)
Wer Lesevergnügen sucht, dürfte bei der Lektüre von Nanni Balestrinis Tristano sehr wahrscheinlich enttäuscht werden. Zunächst zumindest. Denn der Leser, der dem Buchtitel entsprechend eine Adaption des Tristan-Mythos', sprich eine Liebesgeschichte sucht und sich auch noch, gemäß des Roman-Etiketts auf das Hineinbegeben in eine fiktionale Parallelwelt einstellt, kann nur enttäuscht werden. Hinter den verheißungsvollen Buchdeckeln gibt es keinen Plot, es gibt lediglich einige Fragmente, die noch entfernt an die Liebesgeschichte erinnern können. Stephanie Wodianka hat so zum Beispiel darauf hingewiesen, dass durchaus noch inhaltliche Versatzstücke des Tristan-Mythos zu finden sind, so zum Beispiel die häufig wiederholte Rede von Trinken und Gläsern in Anspielung auf den Liebestrank, oder auch die immer wieder auftauchende Problematisierung einer Affäre und Dreierkonstellation, wie sie im Mythos zwischen den heimlich Liebenden Tristan und Isolde und deren Ehemann König Markes zu finden ist.2) Doch diese Referenzen bleiben letztlich leer und verweisen nicht auf eine Geschichte. Auch die Subjekte im Text, ein „ich“, ein „er“ und ein „sie“ lassen die Rekonstruktion einer Geschichte nicht zu, werden sie doch, durch den immer wieder auftauchenden Buchstaben „C“ als Bezugspunkt ausgehöhlt. Dieses „C“, Platzhalter für Namen, agiert als Störfaktor bei der Sinnsuche. Es kann Orte, weibliche und männliche Subjekte beschreiben und manchmal sogar alles zur gleichen Zeit.3) Während man also mit der herkömmlichen Hermeneutik bei diesem Text an seine Grenzen stößt, ist es trotzdem möglich, ihn für eine Analyse fruchtbar zu machen. Produktionsweise und Entstehungskontexte können hierbei als wichtige Schlüssel dienen. Im Folgenden sollen einige Gedanken zur Deutungsweise des Tristano folgen.
Tristano wurde von Balestrini aus verschiedenen Textquellen zusammengesetzt. Das Buch ist in zehn Kapitel eingeteilt, jedes setzt sich aus 30 Textabschnitten zusammen. Die Satzfolge wurde mithilfe einer Rechenmaschine, also einer Programmiertätigkeit, bestimmt. Nachdem 1966 das Buch erstmals in einer einheitlichen Fassung erschien, wurde es 2007 möglich den Roman, gemäß Balestrinis ursprünglicher Idee, wonach jedes Exemplar mit einer unterschiedlichen Folge der Romanabschnitte zu drucken sei, zu realisieren. Dementsprechend verrät der Buchtitel übrigens doch etwas über den Inhalt, wenn Tristano mit einer Nummer ausgestattet wird und es ferner im Untertitel heißt: „von 109 027 350 432 000 möglichen Romanen“. Über diese Nummerierung, den Gegensatz von Einzelstück und Masse, ist es möglich, sich dem Text anzunähern. Balestrini gilt als Vertreter der italienischen, linksintellektuellen Neo-Avant-Garde und Mitglied der „Gruppo 63“, die im Sinne des politisch aufgeheizten Klimas der 60er Jahre, gegen das Establishment und gesellschaftliche Normvorstellungen rebellierte. Die Neo-Avant-Garde begriff, inspiriert durch die Erkenntnisse der französischen Strukturalisten, Sprache als Normsystem, in welchem sich bestimmte Ideologien unbewusst verfestigt finden, und erkannten so, dass die Sprache als solche problematisiert werden müsse. Durch die Verweigerung eines großen Sinnzusammenhangs wird im Tristano ebendies versucht. Es geht nicht mehr um das Verweisen der Sätze aufeinander (wenn dies dennoch so sein sollte, ist dies ein Zufallsprodukt), sondern um die Singularität der, aus ihrem ursprünglichen Kontext isolierten Sätze. Es gehe darum, so der Übersetzer der deutschen Version Peter O. Chotjewitz, dass „die Sätze miteinander spielen“.4)Spinnt man diesen Gedanken weiter, geht es hier um das Verhältnis Individuum und Masse. Auf die Gesellschaft übertragen, könnte man hier also einen Appell an den Erhalt des Individuellen und Eigenständigen, des Unangepassten sehen. Durch die Eigenständigkeit ergeben sich, so zeigt der Text, unerwartete, ungewöhnliche Neukombinationen, die eine Idee dafür geben können, dass das Bestehende, eben nicht das einzig Mögliche ist, das aus der Abweichung etwas Neues entstehen kann. Auch die Nummerierung der Bücher spricht für solch eine Lesart. Denkt man zunächst an eine totale Kategorisierung und Einpassung der Literatur in das System der maschinellen Reproduzierbarkeit, wird dies durch die Herstellung von Unikaten gebrochen. Nebenbei bemerkt wird durch die Unikatform, auch das System der ständigen Überprüfbarkeit und Kontrolle infrage gestellt, Kapitelnummern und Seitenzahlen werden als Symbole einer einheitlichen Orientierung zwischen unterschiedlichen Rezipienten nahezu bedeutungslos. Durch die Arbeit mit einem Algorithmus wird auch das Moment des Unbewussten, Unsteuerbaren, was der Sprache innewohnt, sozusagen deren Eigenleben, angesprochen. Die Sprache ist wie die Maschine, die vom Menschen irgendwann angeworfen wurde, sich aber nun seiner Kontrolle zu einem gewissen Anteil entzieht. Auch das Zurückgreifen auf den Mythos, als eine Geschichte deren ursprünglicher Produzent nicht mehr nachzuvollziehen ist und die deshalb unendlich wuchern und sich verändern kann, solange einige wichtige Grundbausteine erhalten bleiben, entspricht diesem Prinzip. Zugleich ist der Mythos aber Symbol einer gemeinsamen, europäischen Kulturgeschichte, eines „kulturellen Gedächtnisses“ wie Stephanie Wodianka im Sinne Jan Assmanns bemerkt5), und somit auch Symbol einer Normenwelt in der beispielsweise Werte wie Treue und Keuschheit tief verwurzelt sind. Mit der Betonung des Dritten und Störenden, des „C“ (des dritten Buchstaben des Alphabets), welches sich keinem Lager zuordnen lässt und nicht vereinnahmt werden kann, wird dieses Normensystem demontiert und infrage gestellt. Das ausgerechnet das „C“ zu diesem Störfaktor und Indikator für Wandel und Veränderung gemacht wird ist auch besonders interessant, bedenkt man die Assoziation zum Signum des Christusnamens und bedenkt die Prägung des europäischen Kulturraums durch die christlich-römische Kirche.
Geht man von diesen Erwägungen aus, kann der Tristano durchaus für den Leser gerettet werden. Verabschiedet man sich nämlich erst mal von dem Wunsch sich in eine abgeschlossene, fiktive Welt entführen zu lassen, ist es möglich die Freiheit zu entdecken, die Balestrini seinen Lesern einräumt, nämlich den Text selbstständig zu entdecken. Sich entweder vom Klang der Worte einnehmen zu lassen oder sich seine eigenen Geschichten aus den Textbausteinen zu kreieren. Solch ein Lesen ist mitunter anstrengend, aber es führt auch das eigene oft unkritische Rezeptionsverhalten vor Augen, welches viel zu oft darauf angelegt ist, eine Botschaft zu empfangen. Bei Balestrini gibt es nicht den einen großen Sinn, aber eben auch nicht den einen großen Unsinn.