protokoll_2013-05-13.doc

Protokoll zur Sitzung vom 13.05.2013

Nach der Verlesung des Protokolls der letzten Sitzung erhielten wir Gerhard Stickels Autopoem Nr. 1, das 1966 am RZ in Darmstadt generiert worden ist und im Gegensatz zu den stochastischen Texten Lutz’ im Titel bereits seinen literarischen Charakter betont. – Zunächst wendeten wir uns dem Begriffspaar Archiv-Matrix bei Hoffmann zu. Der Begriff des Archivs wurde auf Foucault zurückgeführt, der diesen Begriff bei seinen wissensgeschichtlichen Analysen verwendete. Diese Analysen sollen besonders stark von der Literatur her motiviert worden sein. Demgegenüber ist die Matrix ein aus der Mathematik stammender Begriff und bezeichnet den Umstand, dass bei computergenerierten Texten Wortkombinationen durch ein bestimmtes Rechenverfahren des Programms Wahrscheinlichkeitswerte zugewiesen werden, welche man wiederum in Form von Regeln formulieren kann. In nuce kann man sagen, dass bei Hoffmann die Pariser Diskursanalyse und die Stuttgarter mathematische Beschreibung von Sprachprozessen parallelisiert werden und damit eine ideelle Verknüpfung hergestellt wird, die historisch nicht zwingend gegeben ist. Es stellte sich die Frage, worin der mögliche Zusammenhang bestehe. In beiden Fällen werden nicht manifeste Aussagen sondern die Regelmäßigkeit der Sprache untersucht, d.h. nicht das, was geschrieben steht ist Grundlage der Untersuchungen, sondern das, was geschrieben werden kann. Auf beiden Seiten steht also keine inhaltliche Beschäftigung mit Text, sondern eine mit den Regeln, die Textbildung ermöglichen. Um zu verstehen, was diese Regeln bedeuten, griffen wir auf Benses Bestimmung zurück, Literatur sei etwas Unwahrscheinliches, welche sowohl mit einer diskursanalytischen als auch einer mathematischen Beschreibung der Sprache in Einklang gebracht werden kann. Literatur ist in diesem Fall nicht zu verstehen als ein irgendwie traditionell aufgefächerter Bereich, sondern es geht um eine Beschreibung der Eigenrealität der Zeichen, ohne Außenbezug auf traditionelle Gattungen. Und in diesem Sinne zählt nur die geringere Wahrscheinlichkeit der bei literarischer Arbeit erzeugten Zeichenfolgen gegenüber dem wahrscheinlicheren Sprachgebrauch des Alltags. Literatur wird also mit anderen Worten auf den Bereich aller denkbarer Kombinationen von Zeichen ausgedehnt. Nach diesem Exkurs fassten wir zusammen, dass das Gemeinsame des Pariser und Stuttgarter Programms im Blick auf die Regelmäßigkeit der Sprache lag. Worin sich beide unterschieden, ist die Ausrichtung dieses Blicks: Die Stuttgarter betrachteten Sprache aus mathematischer Sicht und versuchten ihren Mechanismus durch aufstellen einer Wahrscheinlichkeitsmatrix zu simulieren. Damit wurde die sonst gerne als vage bezeichnete Sprache genau: in dem Sinne, dass sie nach naturwissen-schaftlichen Methoden beschreibbar wurde. Die Pariser suchten den Vorgang des Bewusstseins im Blick auf Sprachprozesse zu erfassen. Insofern nämlich die Sprache zu einem großen Teil festen Regeln folgt, zwingt sie uns dazu unsere Aussagen diesen Regeln gemäß zu formulieren und reduziert damit unsere Freiheit, was umgekehrt als ein Grad der Determiniertheit verstanden werden kann. Anders gesagt: Die Intention bleibt stets hinter dem tatsächlich Ausgesprochenen zurück, die Sprache entscheidet darüber, was gesagt werden kann und was – nicht. Bei der Gelegenheit wurde ein Ausspruch Rimbauds angeführt: „JE est un autre.“, womit dieser den Umstand umriss, dass der Mensch im Zustand künstlerischer Ekstase durchaus verschieden ist von seinem gewöhnlichen Ich, was nicht zuletzt an den Eigengesetzlichkeiten des Mediums (hier: der Sprache) liegt, in dem er sich bewegt. Sowohl in Stuttgart als auch in Paris stellte man also die Sprache dem Sprecher als einen Mechanismus gegenüber: Die eine Seite versuchte, die Sprache mit mathematischen Operationen zu reproduzieren, die andere versuchte, sie als ein konventionelles, unbewusstes Regelsystem dem Subjekt gegenüberzustellen. Hoffmanns These von einer Gemeinsamkeit dieser sonst so unterschiedlichen Projekte liegt also in der Frage begründet, was geschrieben bzw. ausgedrückt werden kann. Es ist die Frage nach der Potenz, über die ein ideales mathematisches Modell oder ein ebenso gründlich bestimmter Diskurs verfügt. Nach diesen Feststellungen gingen wir zu Dotzler über. Dieser handelte unter dem Begriff von Maschine von einem programmgesteuerten Prozess, der sich in einzelnen diskreten Schritten vollzieht. Es ist also weniger die Frage, ob ein Text durch einen Computer hervorgebracht wird, als dass er auf Grundlage eines Algorithmus erzeugt wird. Diese Feststellung leistete den Übergang zu Shannon und Weaver. Wir kamen auf den Begriff des stochastischen Prozesse zu sprechen und definierten ihn als den Vorgang der Generierung einer Folge von Zeichen mit diversen Wahrscheinlichkeitswerten durch ein physikalisches System oder mathematisches Modell. In dem Zusammenhang fiel die Bemerkung, dass der Begriff Zeichen in einem weiten Sinne verstanden werden kann und sollte (Buchstaben, ganze Worte, Notenwerte etc.). Wir entnahmen dem Text, dass z.B. im Englischen 50% der möglichen Kombinationen innerhalb der Sprache von der Sprache selbst vorgegeben sind. In diesem Sinne sind wir sprachlich vordeterminiert. Auf der anderen Seite steht die Entropie als Maß der Freiheit, sich in einer Sprache auszudrücken. Ein Kommilitone betonte den Vorteil der schnelleren und daher effizienteren Kommunikation bei einem eingeschränkten Satz von möglichen Kombinationen. Diese beiden Einsichten übertrugen wir auf das Kommunikationsmodell zwischen Sender und Empfänger unter Berücksichtigung der Kapazität des Hörers, wobei wir bemerkten, dass die Entropie die Kapazität nicht übersteigen darf. Sonst würde analog zur Maschine der Verstand die Bedeutung von den akustischen Einheiten nicht abstrahieren können. Wir hielten fest, dass das Stuttgarter und Pariser Programm darin eine Gemeinsamkeit aufweisen, dass Sprache für sie ein Feld von historischen Codierungen darstellt. Das historische Gewachsensein der Sprache ist es auch, was ihr den regelhaften Charakter verleiht, den man analysieren oder reproduzieren kann. Daraus geht hervor: Die Wahrscheinlichkeiten gehen auf eine empirische Datenerhebung aus tatsächlich vorliegender Sprache zurück. Damit ist eine Heidegger’sche Skepsis leicht nachvollziehbar: Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein Modell, das von einer bestimmten historischen Konstellation der Sprache abstrahiert worden ist, imstande sein sollte, sprachliche Äußerungen künftiger Konstellationen zu generieren. Von Fortschritt im Hinblick auf sprachliche Gebilde kann und darf hier nicht gesprochen werden. Es darf höchstens von einer höchstmöglichen Erfassung eines Sprachraums zu einer gegebenen Zeit gesprochen werden. Zum Schluss befassten wir uns mit der Funktionsweise der Prozesse, die sprachähnliche Strukturen erzeugen sollen. Wir stellten fest, dass wir es mit abzählbaren Elementen zu tun haben, denen Wahrscheinlichkeitswerte zugeordnet werden, deren Kombination allerdings keinerlei grammatischen Ordnung unterliegt, d.h. eine Sprache, die sich grammatischen Regeln gemäß verhält wird unter Missachtung dieses Umstands auf rein stochastischem Weg zu erreichen versucht. Es ist eine Sprache ohne jegliche vorprogrammierte Vorstellung vom Wesen der Sprache, die allein aus Häufigkeiten des Auftretens ihre Regeln bezieht, die nichts weiter als Wahrscheinlichkeitswerte einzelner Elemente und deren Verkettungen sind. Sprache wird also als etwas Regelhaftes vor dem Hintergrund vollkommener Unordnung konzipiert und diese Unordnung wird nicht etwa durch eingeschleuste grammatische Regeln gesenkt. Zum Schluss schnitten wir noch das Thema Störfaktoren und deren Beseitigung an, welches Thema uns in der kommenden Sitzung näher beschäftigen soll.

texte/stundenprotokoll_20130513.txt · Zuletzt geändert: 2013/05/27 11:12 von hc.herrmann
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