Sitzungsprotokoll vom 27.05.13
Geschrieben von Felicitas
Nach der umfassenden Auswertung des Sitzungsprotokolls der letzten Woche, widmeten wir uns einem Werk des französischen Schriftstellers Raymond Queneau mit dem Titel Cent mille milliards de poèmes. Was von außen wie ein ganz „normales“ Buch aussieht, entpuppt sich im Inneren als eine Art Maschine zur Produktion von Gedichten, wie der Autor selbst es beschreibt. Es beinhaltet zehn Sonette - jedes auf eine Seite gedruckt - welche alle dem selben Reimschema folgen, also zueinander passende ausklingende Silben aufweisen. Außerdem ist jede Zeile des Werkes im Alexandrinerversmaß geschrieben. Das Besondere daran ist, dass alle Zeilen der zehn Seiten in einzelne Streifen geschnitten wurden und nur noch in der Mitte des Buches zusammengehalten werden. So ist es möglich, beispielsweise nur eine Zeile umzublättern oder aber aus den vielen verschieden Verszeilen ein völlig neues Sonett zusammenzustellen. Die Zahl der Kombinationsmöglichkeiten ist dabei so groß, dass wahrscheinlich mehrere hundertmillionen Jahre benötigt würden, um all die Gedichte zu lesen.
Anschließend bezogen wir uns auf den bereits erarbeiteten Aufsatz Stochastische Texte von Theo Lutz, welcher die zufällige Erzeugung von lyrischen Texten durch eine elektronische Rechenanlage behandelte. Wir diskutierten über diese Art der Zusammenfügung von Texten im Vergleich zu der Queneaus‘ im Hinblick auf die Frage, ob es sich bei beiden um maschinengenerierte Gedichte handelt. Bezüglich der Form und des Syntax ähneln sich beide Systeme sehr. Von der Aufmachung her, gibt es jedoch einige Differenzen. Abgesehen davon, dass sich das Medium an sich schon sehr voneinander abhebt, liegt der Unterschied darin, dass man bei Queneaus Sonetten selbst aktiv werden kann. Einmal ist man hier nicht auf die technischen Voraussetzungen angewiesen, und zusätzlich hat man die Möglichkeit bewusst selbst Gedichte zusammenzustellen und unterliegt somit einer geringeren Abhängigkeit von einer Maschine als bei den stochastischen Texten. Trotz einer vorhanden Voreingenommenheit, da ein menschlicher Input im Vorhinein besteht, können auch hier zufällige Texte entstehen. Allerdings sind diese gewissermaßen teilweise schon vorausgewählt, da man den lyrischen Text nicht aus einzelnen Worten bilden kann, sondern bereits ganze Zeilen vorhanden sind, mit denen man arbeiten muss. Da es nur eine begrenzte Anzahl von kombinierbaren Streifen gibt, und sei sie noch so hoch, ist dieses System endlich. Anders sieht es bei der Rechenanlage aus. Sie ist eine komplexe Form der Technik und kann unendlich viele Gedichte erzeugen, es sei denn man würde das Programm umschreiben, sodass es zu einem Abschluss kommen würde.
Ein sehr wichtiger Punkt ist jedoch, welchen beide Systeme inhaltlich gemeinsam haben, dass die erstellten Verse keinen dichterischen Wert haben. Zwar werden die Worte grammatikalisch passend aneinandergereiht, doch die fertigen Sätze ergeben nicht immer einen Sinn und haben somit nichts mehr mit Poesie zu tun. Das gibt auch Cent mille milliards de poèmes einen maschinellen Charakter. Da das Buch keine klassischen Seiten zum umblättern besitzt, werden die Erwartungen, die es aufgrund seines Äußeren aufkommen lässt, nach dem Öffnen zerschlagen, weil es im Inneren an eine Art Baukasten erinnert, mit welchem das Maschinelle sozusagen zelebriert wird. Der Vorgang des Zusammenfügens entspricht eher dem Ingangsetzen einer Maschine.
Die Art und Weise wie in dem Buch mit poetischen Bildern gearbeitet wird, gleicht einem eigenartigen surrealistischen Verfahren, bei welchem sich fremde Elemente ohne den Anspruch eines Sinns begegnen. Durch das permanente „schmerzhafte“ Zerreißen bzw. Fragmentieren des erwarteten Zusammenhangs, können die Gedichte für den Leser zu einer Zumutung werden.
In der zweiten Hälfte der Sitzung beschäftigten wir uns mit einem Text von Vladimir A. Uspenskij mit dem Namen Die revolutionäre Bedeutung von A. A. Markovs Untersuchungen zur Buchstabenalternierung in literarischen Texten, anhand dessen wir den Begriff der Markovketten klärten. Als Markovketten bezeichnet man Ereignisse, die sich auf vorangehende Ereignisse beziehen, und deren Wahrscheinlichkeiten berechnet werden können. Diese verknüpften Ereignisse ergeben lange Ketten, mit welchen man statistische Häufigkeiten und damit zukünftige Wahrscheinlichkeiten berechnen kann. Als Grundlage seines neuen mathematischen Begriffs nahm sich Markov einen literarischen Text und analysierte, wie häufig darin Konsonanten und Vokale vorkommen, anhand deren er die Wahrscheinlichkeit der Vorkommen für andere, nicht gelesene Texte berechnete. Bewusst wählte er dabei das Binärsystem - und nicht die Analyse aller Buchstaben - aufgrund der damit einhergehenden Einfachheit und Genauigkeit des Modells. Er bewegt sich dabei auf einem historischen Feld, sprich er verwendet für seine Untersuchungen Texte, die in einer konkreten, auffindbaren Sprache verfasst wurden und „zählt“ diese. Sprache wird hier als Objekt der physikalischen Welt gesehen; etwas, das als Objekt vorfindbar und auch zählbar ist.
Der Begriff Häufigkeit bezieht sich hierbei auf die Vergangenheit - weil man das Gelesene gezählt hat -, Wahrscheinlichkeit hingegen auf die Zukunft - da man diese erst auf zukünftige Texte anwendet. Die Berechnung Letzterer ist eigentlich ein Verfahren, dessen Entstehung sich in einem ganz anderen Bereich vollzieht. Denn die Wahrscheinlichkeitsberechnung war in den Anfängen eine Mathematik der Spieler. Die Ausgangssituation bildet die Theorie des Glücksspiels. Dieser Blick wird nun auf die Sprache geworfen. Sprechen wird bei Markov als etwas angesehen, das einem Würfelwurf entspricht. Er geht hier von einer fundamentalen Unsicherheit aus, denn man kann vorher nicht wissen, welche Worte in einem Text verwendet werden oder an welcher Stelle sie stehen. Durch sein System versucht er eine behelfsmäßige Sicherheit zu erlangen.
Schon im 19. Jahrhundert, bei Heinrich von Kleist, finden sich die Anfänge der Darstellung von Sprache als Zufallsprozess. Kleist betreute seine eigene Zeitschrift, in welcher er Polizeiberichte auswertete. Er behauptete, dass die Gedanken eng an die Sprache gebunden sind und sich im Prozess des Sprechens immer weiterentwickeln: ein Sprachzug erzeugt den nächsten Sprachzug. Allerdings zählte er nicht auf die Mathematisierung der Sprache, sondern seine Aufmerksamkeit galt dem Unberechenbarem. Er beschrieb die Literatur als etwas, dass vom Zufall getragen wird.
Markovs Berechnungen beschreiben jedoch nicht die gleiche Situation wie bei einem Glücksspiel, bei welchem bei einem Würfelwurf jede Zahl mit der gleichen Wahrscheinlichkeit geworfen wird. Denn die Markovketten sind ein Typus von Ereignisfolgen, da ein Ereignis von einem vorhergehenden abhängt. Diese Abhängigkeit entsteht durch eine bedingte Wahrscheinlichkeit. Und diese ändert sich, je nachdem welche Buchstaben an vorangehender Stelle kommen. Den einzelnen Elementen wird keine Wahrscheinlichkeit zu Teil. Bei Modellen wie dem von Markov ist es wichtig vorher genau festzulegen, auf welcher Ebene man die Texte untersuchen will. Oft kommt es zu Unzulänglichkeiten aufgrund der Komplexität der Modelle. Durch die Binarität schaffte es Markov ein einfaches und sehr genaues System erschaffen, durch das die maximale Komprimierung eines Textes erreicht werden kann. Es eröffnet einen experimentellen Blick auf die Sprache. Wendet man das Verfahren auf ein Schriftstück an, werden plötzlich Regelmäßigkeiten auftauchen, mit welchen man die Wahrscheinlichkeiten für Buchstaben nach einem vorhergehenden Buchstaben berechnen kann - wobei Buchstabe hier für Konsonant oder Vokal steht. Auch durch Shannon wurde der Begriff dieser sogenannten Übergangswahrscheinlichkeiten schon geprägt. Solch eine Ordnung entsteht jedoch erst nach der Analyse.
Die Mathematik der Markovprozesse bildete sich an der Literatur heraus und ermöglicht die Erschließung anderer mathematischer Bereiche auf diesem Gebiet.